Song of Avalon

Avalon10

Geboren am 03.04.1996

Er heißt wirklich so, dieser Name steht in seinem Papier. Und dieses Papier kann sich sehen lassen. Avalon ist englischer Vollblüter und ein Enkelsohn von Secretariat, dem berühmtesten Galopprennpferd ever. So berühmt, dass Disney einen Spielfilm über dessen Leben gedreht hat.

Wenn man solche Ahnen hat, wird Großes von einem erwartet. Damit waren die ersten 5 Jahre seines Lebens ganz bestimmt nicht die schönsten. Diese armen Pferde müssen als 2jährige Rennen laufen, werden also schon als Jährlinge trainiert, und mit 5 Jahren sind sie am Ende ihrer „Karriere“, oft verletzt oder zumindest mit zu erwartenden Spätschäden. Avalon war wohl nicht der Überflieger, denn er wurde verkauft und verkauft und verkauft. Von einer Rennbahn auf die andere. In Amerika -in Lexington/Kentucky- geboren, wurde er zuerst nach Irland verschifft, dann nach England, nach Italien und schließlich ist er in Österreich gelandet. Dort wurde er nach kurzer Zeit ausgemustert und von einem Vater für dessen 2 Töchter  erstanden. Man brachte ihn in den Stall, in dem er heute noch immer mit unseren anderen Pferden steht, maximal trainiert und mit aufgeblasenen Muskelbergen. Dort, so hat man mir erzählt, ist er quasi über Nacht in sich zusammengefallen, hat sich hingelegt und wollte nicht mehr aufstehen. Man hat geraten, ihn einzuschläfern.

Aber Liebe wirkt oft Wunder. Die 2 Mädchen haben sich auf ihn gesetzt und ihn im Liegen mit Karotten gefüttert, ihn beschmust und gehätschelt. Also hat sich Avalon das mit dem Sterben nochmals überlegt und es, glaube ich, nicht bereut. Die Mädchen waren immer lieb zu ihm, und er hat es ihnen gedankt und war auch lieb zu ihnen. Aber wie das so ist, aus Mädchen werden Frauen. Die müssen einen Beruf erlernen und Erfahrung im Leben sammeln. Die hat bei den beiden nicht daheim gewartet, es hat sie in die Welt hinaus gezogen, und Avalon hatte großen Kummer, dass sie keine Zeit mehr für ihn hatten. Und weil sie das Beste für ihn wollten, haben sie einen neuen Besitzer gesucht.

Ich bin um ihn herumgeschlichen und habe lange überlegt, ob er ein Pferd für mich wäre. Denn Avalon ist zwar ein Rennpferd auf dem Papier, aber im Gemüt ein Prinz Valium. Von Baldrian. Aus der Kamille. Ich mit meinem unzuverlässigen Warmblüter hab oft wehmütig zugesehen, wenn die Mädels ausgeritten sind, manchmal im Badekleid und barfuß, das Pferd ohne Sattel und nur mit Halfter und Strick ausgestattet. So sind sie die Feldwege entlang galoppiert. Aber dann hat sich die Vernunft gemeldet. Er war  11 Jahre alt und nicht mehr ganz gesund, hatte ständig Probleme mit den Hufen und war Dauerkopper. Sollte ich mir einen Patienten ins Haus holen? Außerdem war er so groß, 1,70m und ich mit meinen 164cm konnte ihm nicht mal auf den Rücken schauen. Nun, die potentiellen Käufer kamen und gingen, aber es hat nie gepasst. Als ob er auf mich gewartet hätte. Ich weiß nicht mehr, wieso, aber ich hab gefragt, ob ihn mal reiten dürfte. Eines der Mädchen hat dann einen Ausritt mit mir gemacht und ich war hin und weg. Reiten ohne Angst, was für ein Gefühl!

Am nächsten Tag habe ich ihn gekauft. Zu einem völlig hirnrissigen Zeitpunkt. Ich hatte kurz darauf den Termin für eine größere Operation, außerdem war der Hund trächtig. Also war klar, dass ich die nächsten Monate nicht viel mit ihm anfangen würde können. Aber das hat sich als sehr positiver Einstieg herausgestellt. Ich hab ihn immer nur besucht, geputzt und bin ab und an ein kurzes Stück mit ihm spazieren gegangen. Mehr ging weder zeitlich noch körperverfassungstechnisch. Ich hab also außer Nettigkeiten nichts von ihm gewollt, das fand er wohl ganz sympathisch. Bis ich wirklich geritten bin, hat es Monate gedauert. Und es hat ein ganzes Jahr gedauert, bis ich reiterlich halbwegs mit ihm zurecht gekommen bin. Er war seine Mädels gewöhnt und wenn er etwas nicht verstanden hat, hat er sich steif gemacht, die Nase in die Luft gestreckt und ist holprig herumgeeiert.

Avalon ist, wenn man das so sagen darf, kein Professor. Es dauert oft lang, bis er etwas begreift, denn seine Leitung läuft durch alle 4 Füße und wahrscheinlich auch noch den ganzen Schweif hinunter und wieder hinauf. Man muss viel Geduld mit ihm haben, denn wird man hektisch oder grob, schaltet er sein Hirn komplett aus, und die schlimmen Rennbahnerinnerungen kommen zurück. Bleibt man fair und zeigt ihm in aller Ruhe, was man von ihm will, gibt er sich trotzdem alle Mühe, auch wenn ihm die Unterlippe wegen Gedankenstopps kraftlos herunterbaumelt oder sein Gesicht sich verzagt in Falten legt. Und wenn der Groschen fällt, dann kann man das an seinem Blick sehen. Der trübe Schleier lüftet sich, die Augen funkeln, das Fragezeichen über seinem Haupt weicht einem Ausrufezeichen, sein schlurfender Gang wird flott und seine Brust wird auf einmal doppelt so breit wie vorher. Diese Momente waren immer die schönsten mit ihm.

Avalon ist ein sehr introvertiertes Pferd, er zeigt seine Zuneigung kaum und wirkt immer ein bisschen misstrauisch. Auch hier hat es fast ein Jahr gedauert, bis er mir die Tür zu seiner Seele geöffnet hat. Genauer betrachtet ist er das komplette Gegenteil von unserem Alf, ich konnte also wieder sehr viel von ihm lernen.

Aufgrund seiner Vorgeschichte hatte ich eine Vorahnung, dass er womöglich nicht gerne in einen Hänger steigt. Und lag leider richtig damit. Beim ersten Versuch war er völlig panisch, ist gestiegen und hat sogar mit den Vorderhufen nach dem Führenden (gottlob einem Profi) geschlagen. Ein halbes Jahr haben wir geübt. Schritt für Schritt, nur mit Lob, Bestätigung und freundlicher Hartnäckigkeit. Dieses behutsame Vorgehen habe ich in allen Bereichen tausendmal vergolten bekommen.

Im Gelände war Avalon ein Verlasspferd und hat mir alle Angst vor dem Reiten genommen. Wir hatten viele, viele traumhafte Ritte miteinander. Ich hab ihn manchmal in den Hänger gestopft  und bin mit ihm irgendwohin zum Ausreiten gefahren. Einmal sogar nach Linz. Dort habe ich unter einer Autobahnbrücke geparkt und bin mit ihm an die Donau geritten. Wir sind Feldwege entlang galoppiert, und wenn er den Rennbahnturbo zugeschaltet hat, ist mir das Adrenalin bis unter die Schädeldecke gefahren. Die Augen sind vom Fahrtwind tränenblind geworden und ich fand das super. Ich, der Hosenscheißer schlechthin! Das nenne ich mal eine ordentliche Weiterentwicklung. Als ich so einen Galopp zum ersten Mal mit ihm erlebt hatte, rasend schnell und trotzdem völlig kontrolliert, war ich im Himmel. Wäre ich anschließend tot vom Pferd gefallen, es wäre mir egal gewesen, denn ich war derart euphorisch, dass ich der Meinung war, es könne gar nichts Besseres mehr kommen in diesem Leben.

Wir haben viel Bodenarbeit gemacht, er liebt den spanischen Schritt und wir haben uns sogar Ansätze zur Piaffe erarbeitet. 2009 haben wir zusammen das Westernreitzertifikat gemacht. Ein paar Jahre später hab ich ihm Alfs Dressursattel umgeschnallt und spaßeshalber an einer Dressurnadelprüfung teilgenommen. Wir waren gar nicht so übel und der Richter hat uns sehr gelobt. Den Sattel haben wir aber sofort danach wieder ausgetauscht.

Weil wir beide wirklich Spaß am Training hatten, wollte ich ein wenig Turnierluft schnuppern. Ein einziges Mal waren wir auf einem Bewerb. Die Generalprobe am Tag vorher war traumhaft. Der Turniertag ernüchternd. Um mich herum viele vom Ehrgeiz zerfressende Menschen auf unfair behandelten Pferden. Avalon ist da sehr feinfühlig, er hat das Leid seiner Kollegen gespürt und ist immer betrübter geworden. Schlussendlich hat es mir keine Freude gemacht, ihn so zu sehen, obwohl ich durchaus Spaß am gesellschaftlichen Aspekt einer Sportveranstaltung habe und eher wegen der Gaudi dort war. Einen Monat später habe ich einen Arthrosebefund seiner Vorderbeine bekommen, der sportliches Training sowieso umgehend beendet hat.

Ich war nicht allzu traurig über unser nur sehr kurzes Sportintermezzo, aber umso mehr über den Befund. Zu erwarten war es früher oder später gewesen. Etwa 2 Jahre nach der Diagnose ist Avalon so oft gestolpert und manchmal auch unvermittelt gestürzt, dass mir das Reiten zu gefährlich wurde. Selbst Bodenarbeit hat ihm nicht mehr gut getan und sogar Spaziergänge waren in unserer hügeligen Gegend kein Spaß für ihn. Also hab ich ihn in die verdiente Pension entlassen. Eine Zeitlang hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, dass er jetzt nur noch auf der Wiese herumsteht, aber ein Blick in seine Augen genügt. Er ist ausgesprochen zufrieden mit seinem Dasein, schlurft mit seinem besten Freund Siddih, einem 32jährigen Araber, der wie ein siamesischer Zwilling an ihm hängt, über die Weiden und ich will noch gar nicht daran denken, wie es ihm ergehen wird, wenn Siddih einmal nicht mehr ist. Die Arbeit vermisst er gar nicht und es genügt ihm völlig, dass ich ihn täglich auf der Wiese besuche und ab und zu in den Stall hole und pflege. Er ist ein glückliches Pferd, und er hat es mehr als verdient. Einen besseren Kumpel und Therapeuten hätte ich mir nicht malen können.