Alf

Alfi

Geboren am 24.05.1994

Alf ist ein Warmblüter aus Tschechien. Sein Vater war ein Hannoveraner, die Mutter eine Warmblutstute  aus Tschechien, die einen Vollblutast im Stammbaum hat. Die Vorfahren waren alle eher schon älter, deshalb stehen auf seinem Papier Pferde, die Anfang des letzten Jahrhunderts geboren wurden. So sieht er auch aus. Alf ist ein altmodischer Typ und mit 1,62m eher klein für ein Warmblut. Gegen die Reitelefanten, die heutzutage gezüchtet werden, sieht er aus wie ein Pony.

Er wurde vom Besitzer der Reitschule, die wir damals regelmäßig aufsuchten, in Pisek auf der staatlichen Auktion gekauft. Sein Zuchtname ist übrigens Watrlo. Kein guter Name für ein angehendes Reitschulpferd. Welcher Schüler will schon auf einem Pferd sitzen, das den Namen eines Kriegsdesasters trägt? Damals war die Fernsehserie Alf sehr beliebt, und aufgrund seiner Farbe gab der Chef ihm diesen Namen. Und der sollte ein Omen in verschiedener Hinsicht sein.

Alf war der erklärte Liebling der Kinder. Seine größte Freude war es, wenn zehn kleine Mädchen um ihn herumstanden und ihn kraulten und streichelten und am besten noch mit Karotten und Zuckerstückchen fütterten. So ist er, der Alf. Immer freundlich und fröhlich, ein Sanguiniker, wie er im Buche steht. Er hat nie die Ohren angelegt, gebissen oder getreten. Allerdings war er so wie sein Namensgeber von einem anderen Planeten, nämlich von einem, auf dem es nur Pferde gibt. In der Menschenwelt hat er oft für Chaos und kleine Katastrophen gesorgt.

Ich vermute, er ist die ersten 3 ½ Jahre seines Lebens auf einer riesigen Aufzuchtweide in Tschechien gestanden und hat Menschen eher nur nebenbei wahrgenommen. Dann dürfte man ihn von der Wiese geholt haben und im Husch-Pfusch-Verfahren angeritten haben, um ihn auf der Auktion verkaufen zu können. So hilfreich diese Aufzucht in seiner Pferdewelt war (er hat ein 1A Sozialverhalten), so schwierig gestaltete sich sein urwüchsiges Gebaren in seinem Beruf als Reitpferd. Nein, er war nicht schlecht erzogen. Er hatte einfach gar keine Erziehung und ließ sich ausschließlich von seinen Instinkten leiten. Er konnte nicht still stehen, weder beim Putzen noch beim Reiten und war ein richtiger Rüpel, dem Menschen gegenüber zwar nett, aber völlig respektlos. Er hat uns über den Haufen gerannt und ist uns auf die Zehen gelatscht. Ein katastrophaler Kleber war er obendrein. Wenn kein anderes Pferd mehr zu sehen war, ist er in Panik geraten. Hat er sich vor irgendetwas erschrocken, war er sofort im Fluchtinstinkt und ist in Sekundenbruchteilen wie ein Irrer losgerast. Er hat nach dem Schenkel geschlagen und auf die Trense mit ständigem Kopfschütteln reagiert. Meine erste Reitstunde auf Alf hat einem Rodeo geglichen und mit einem schwarzen Bluterguss in Suppentellergröße auf meinem Oberschenkel geendet. Beim ersten Ausritt ist er durchgegangen und hat mich fast an einen Baum geklebt. Trotzdem habe ich nicht aufgegeben, auch wenn ich mich manchmal so gefürchtet habe, dass mir schlecht geworden ist.

Nun wird manch einer sich die Frage stellen: Warum kauft man sich dann ausgerechnet so ein Pferd? Schuld daran ist unsere Tochter. Mit ihr teile ich dieses wunderbare Hobby. Sie hat ihren Alfi heiß geliebt und wollte nur noch ihn reiten. Dass er wirklich grauenhaft zu sitzen ist, weil er so viel Schwung hat, dass man seekrank werden kann, hat sie nie gestört, ebenso wenig seine schlechten Manieren. Und man muss dazu sagen: damals waren die Warmblüter allgemein sehr schlecht erzogen, man hat sich nicht die Mühe gemacht, die Pferde vom Boden aus zu schulen, und wir kannten es gar nicht anders.

Wir sind damals so oft zum Reiten gegangen, dass wir uns ein eigenes Pferd kaufen wollten. Unsere Tochter ist immer gut mit Alf klar gekommen und war auch definitiv die begabtere Reiterin von uns beiden, also habe ich mich mit ihm angefreundet und ihren knapp 5jährigen Liebling aus dem Schulbetrieb gekauft. Sie ist ein paar Jahre mit ihm auf Turniere gegangen und wurde sogar einmal Vizejugendlandesmeister im Dressurreiten.

Mich dagegen hat er das Fürchten gelehrt. Irgend jemand hat einmal gesagt, Mut sei Mangel an Phantasie. Ich habe viel Phantasie, dafür umso weniger Mut.  Mir ging die Freude am Reitsport komplett verloren und obendrein hatte ich immer das Gefühl, dem Pferd nicht gerecht werden zu können und dass er etwas Besseres verdient hätte.Wäre meine Tochter nicht gewesen, hätte ich Alf wieder verkauft.

Dem Pferdevirus kann man allerdings nicht entkommen, also habe ich sehr viel darüber nachgedacht, wie ich meine Angst überwinden und dieses Pferd zu einem „braveren“ machen kann. Im Nachhinein betrachtet war unser Alfi der beste Lehrer, den man sich vorstellen kann. Er hat mich geduldig durch die Zeit des Lernens und Verstehens geführt. Was hab ich nicht alles falsch gemacht! Ehrlicherweise gesagt so gut wie alles, und er hat es mir nie übel genommen. Immer war er mir freundschaftlich zugetan und hat mein wachsendes Wissen und pferdegerechteres Verhalten mit entsprechend guten Manieren gedankt.

Wir haben sein Umfeld weg von der Boxenhaltung in Teilzeitoffenstallhaltung geändert und ihn in eine großartig funktionierende Herde integriert. Das machte ihn so glücklich, dass ich heute noch vor Freude weinen könnte. Endlich durfte er wieder Pferd sein! Um uns herum waren plötzlich Leute, die ganz anders mit Pferden umgingen und niemand hat mich mehr belächelt, wenn ich Bodenarbeit gemacht habe.

Es hat lange gedauert, bis ich das Wesen Pferd auch nur im Ansatz begriffen habe. Mir fehlt eine natürliche Begabung dazu völlig und ich bin geneigt, alle Schwierigkeiten mit dem Kopf lösen zu wollen. Das Fühlen hat so viel mehr Zeit gebraucht als das Erlernen von Techniken oder das theoretische Wissen um Herdenstrukturen, Lebensweise etc. Da Alf so vom Menschen unverbildet aufgewachsen ist, reagiert er sehr „pferdisch“ und hat mir immer gezeigt, ob ich ihn wirklich verstehe oder mal wieder total auf dem Holzweg bin. Pferde haben ein Sozialverhalten, das dem der Menschen gar nicht unähnlich ist, und damit hat mich das Studium der Pferde unglaublich in meiner Persönlichkeit geschult. Es tut manchmal ganz schön weh, auf diese Art den Spiegel vorgehalten zu bekommen, aber es lohnt sich, den Blick hinein zu wagen und an sich zu arbeiten.

Jawohl, an sich. Die Pferde sind nämlich von Natur aus völlig in Ordnung. So gesehen haben mich die Pferde –genauso wie meine Hunde- zu einem besseren Menschen gemacht. Vieles hätte ich nie gelernt, wäre Alf eines von diesen abgestumpften, ergeben dahinschlurfenden Pferden gewesen, die es längst aufgegeben haben, mit den Menschen kommunizieren zu wollen. Nun, wir können uns mittlerweile wirklich gut unterhalten. Perfekt wird es wohl nie… jedoch hat Alf sich vom Kamikazepiloten zu einem wirklich angenehmen Gentleman gemausert.

Leider hat seine schwunghafte Gangart meinem Rücken nicht gut getan, darum habe ich das Reiten auf ihm an den Nagel gehängt. Vorher habe ich noch allerhand Zeug mit ihm probiert. Wir haben ihm die Westernreitweise nähergebracht und er fand es ganz lustig. Für ein paar Jahre hatten wir unsere liebe Kati aus Finnland als Reitbeteiligung, die hat sogar das Westernreitzertifikat mit ihm gemacht (die Turnierlizenz für Westernreitsport). Er hat meinem Mann die Grundkenntnisse des Reitens beigebracht und ungezählte Kinder spazieren getragen, ein richtiges Familienpferd also.

Aus Gaudi hab ich recht spontan mit Mitte 40 wieder ein paar „Englisch“-Reitstunden genommen und den Reiterpass mit dem 18jährigen Alf abgelegt. Er war so supercool und hat total entspannt den Dressurteil und vor allem auch den Spring- und Geländeteil mit mir absolviert, während um uns herum so einige hysterische Prüflinge mit ihren zusammengekragelten Warmblütern ständig kurz vor der Explosion zu sein schienen. Früher waren wir Teil dieser Reitsportwelt, inzwischen hatte ich das Gefühl, als ob die alle von einem anderen Planeten wären. So muss unser Alf sich gefühlt haben, als er mit Menschen zu tun bekam.

Offensichtlich haben wir beide einen Planeten gefunden, auf dem Tiere und Menschen sich miteinander wohlfühlen. Dieser Planet ist kein wirklicher Ort, er war immer in mir drin und ich habe durch meine Tiere den Weg dorthin gefunden. Zu mir selbst. Dort bin ich am liebsten. Inzwischen ist Alf ein älterer Herr, er ist immer noch sehr gut beieinander und nach wie vor der Freizeitbegleiter unserer Tochter, die sich bei ihm von ihrem verantwortungsvollen Beruf erholt. Er genießt sein Leben in seiner (inzwischen Vollzeit-) Herde. Dort behütet er seine Lieblingsstuten, schlichtet Streit unter Hitzköpfen und war der beste Onkel für unser Stutfohlen Honey, den man sich vorstellen kann. Ich hab die Kleine hie und da als Handpferd mitgeführt und  Alf hat nicht ein einziges Mal die Ohren angelegt, wenn sie rumgehüpft ist oder ihn in den Hals gezwickt hat. Geduldig hat er ihr bei gebracht, wie man sich benimmt, so wie seinerzeit mir. Hier schließt sich der  Kreis, und ich hoffe, dass wir unseren  Alfi noch sehr lange bei uns haben.